Moderne Krebstherapie:
Verschiedene Wege zum Ziel

von Dr. med. Einar Göhring
erschienen in "Der Naturarzt" 1/87

Einleitung von Dr. Johann Abele

Krebs ist heute ein Reizwort geworden - für den Betroffenen sowie für alle behandelnden Ärzte. Und leider wird der Patient heute mit seiner Krankheit noch zu häufig allein gelassen. Die Ärzte behandeln ihn entweder" über seinen unwissenden Kopf hinweg" und lassen ihn nach dem Eingriff wieder alleine laufen oder sie sind beleidigt, wenn er in seiner Not alle von ihm je gehörten und gelesenen Behandlungswege zusätzlich begehen will. Jedes Jahrhundert hat "seine" Krankheit, die es sensibel macht für die Frage "was ist Leben?" Da waren die großen Seuchenzüge, dann die Kindersterblichkeit, dann die Poliomyelitis, die Grippewellen und jetzt Krebs, neuerdings sogar AIDS. Immer - mit fortschreitendem Wissen über Tod und Leben, "Machbares und Gottgegebenes" - stellen sich dem Menschengeiste rätselhafte Phänomene entgegen, die ihm seine Gebundenheit an den Kosmos und dessen Gesetze verdeutlichen könnten: der Mensch ist nicht das Absolute, nicht die Krone, nicht von der Schöpfung "separat". So erfassen heute die modernen Psychologen Krebs auch als Chance des einzelnen, endlich wirklich über sein von jeglicher Art der täglichen Hektik und Betriebsamkeit absorbiertes Leben einmal profunde nachzudenken. "Endlich weiß ich, was der Tag, was jeder Tag bedeutet", schreibt ein Krebskranker. Krebs haben, heißt zum Nachdenken gezwungen sein. Darüber nachzudenken, daß unser Leben nicht nur ein Ablauf ist, der möglichst ungestört verlaufen muß, bis der Körper nur noch Schrottwert hat. Unser Leben soll zu einer Reife führen, so wie wir dies von jedem "für uns nützlichen" Lebewesen fordern: Unreifes lehnen wir ja brüsk ab! Wofür oder für wen reifen wir Menschen selbst heran? Oder weigern wir uns zu reifen? Oder halten wir gar für möglich, daß wir automatisch während der Tagesbetriebsamkeit wirklich reifen, während wir altern? Könnte man Krebs als einen Reifungsbeschleuniger betrachten, hin zu der geistigen Reife, die natürlich - je weiter sie fortschreitet - den Körper als Last empfindet? Welch monströse Spekulation! Leben wird immer nur in Teilaspekten erfaßbar bleiben, und das ist gut so, und daran sollen wir uns bei der Krankheit erinnern. Vielleicht brauchen wir diesen "Hammer", um aufzuwachen?

Nach wie vor gehört die Medizin, auch wenn man sie als "moderne Medizin" , bezeichnet, zu den Künsten. Medizin ist also keine "exakte" Wissenschaft.
Dennoch wird von vielen medizinischen Forschern der Eindruck erweckt, auf einem Gebiet tätig zu sein, das den exakten Naturwissenschaften gleichzusetzen ist; in besonderem Maße gilt dies für das Feld der Onkologie (Geschwulstlehre).
Diese Illusion dient vor allem dem nüchternen Zweck, nämlich das gerade bearbeitete Forschungsgebiet weiterhin am Leben zu erhalten (da ja gerade dieses Spezialgebiet die größten Aussichten für eine wesentliche Verbesserung in Diagnostik oder Therapie von Krebserkrankungen zu versprechen vorgibt), also Forschungsgelder zu bekommen, um das vom jeweiligen Forscher bevorzugte Wissenschaftskarussell weiterlaufen lassen zu können.
Es wäre daher ehrlicher, Medizin als das zu sehen, was sie ist: eine Erfahrungswissenschaft. Dies ist ja kein Makel der Medizin, es ist eine ihr schon immer innewohnende Qualität.
Der Mensch wird in seiner Gänze nie erforschbar sein. Die forschende Medizin wird zwar immer wieder neue Erkenntnisse sammeln, die sie dem vermeintlichen Ziel, den Menschen mit seinen Krankheiten einmal als komplexes System verstehen zu können, scheinbar näher bringt.
Aber auch der Mensch wird sich immer weiterentwickeln, neue Krankheiten werden auftauchen (aktuell: AIDS), werden erforscht und bekämpft werden. Die menschliche Neugier wird es auch nicht lassen können, auf neuen medizinischen Feldern zu operieren, zu denen sie verbotene Türen aufschließt, z. B. Gentechnologie, manchmal mit ähnlich fatalen Folgen wie im Märchen.
Somit wird sich auch das vermeintliche Ziel - totale Erforschung der medizinischen Disziplin - vom erkämpften Wissensstand im gleichen Maße entfernen, wie man den Fortschritt errungen zu haben glaubt.
Wozu diese Ausführungen? Mit dieser kurzen Zustandsbeschreibung des grundsätzlichen Charakters der medizinischen Wissenschaft soll die Voraussetzung für das Verständnis der verschiedenen medizinischen Richtungen füreinander geschaffen werden, damit auch der Boden für eine Kooperation der sich gerade auf dem Gebiet der Krebstherapie so oft angreifenden Richtungen "konventionelle" und "biologische" Medizin geebnet wird (noch im letzten Jahrhundert gab es ja auch nur "eine" Medizin). Kein realistisch denkender Arzt, zu dessen Schwerpunkt die Naturheilkunde zählt, wird die Notwendigkeit medizinischer Forschung bestreiten, alle Ärzte haben bekanntlich auf Hochschulen studiert.
Aber kein forschender Mediziner wird ehrlicherweise bestreiten wollen, daß die medizinische Wissenschaft als Erfahrungsheilkunde geboren wurde und weiterhin diese fundamentale Eigenschaft behalten wird. Damit sollte es keine grundsätzlichen Schwierigkeiten mehr im Dialog zwischen beiden "Lagern" geben (auch wenn niemand dem anderen die hehre Absicht, jeweils nur das Beste für die Patienten zu wollen, bestreiten wird).
Zwangsläufig wird der Kontakt der skizzierten medizinischen Richtungen intensiver werden: immer mehr zeigen die Ergebnisse der modernen medizinischen, vor allem immunologischen Forschung, daß viele bisher noch nicht durchschaubaren chronischen Erkrankungen einen immunologischen Auslösemechanismus haben. Oder anders ausgedrückt: Bei vielen chronischen Krankheiten (wahrscheinlich ist es bei den Krebserkrankungen ebenso), führt irgendwann ein äußerer (z. B. Virus) oder innerer Faktor (z. B. chronischer Entzündungsreiz) zu einem Versagen der Immunabwehr mit verhängnisvollen Konsequenzen: Bei chronischen Erkrankungen kann diese Fehlsteuerung des Immunsystems zu dessen Überfunktion ("Autoaggression") führen. Bei einer Erb-Schwäche, die vor allem als zeitabhängige Funktion (natürliche Alterung der Reparaturmechanismen) besonders Patienten höherer Altersklassen betrifft, führt dies in erster Linie zur Manifestation von Krebs.
Nun wird aufgrund der sich explosiv entwickelnden immunologischen Forschung immer klarer, daß das Arsenal der sogenannten biologischen Krebstherapie zu einem Großteil immunologisch wirksam ist, pflanzliche Extrakte (z. B. Mistel, Sonnenhut) sind ebenso wie bakterielle (z. B. Fieberimpfung aus Streptokokken) und tierische Präparationen (z. B. Kalbsthymusextrakt) ein zum Teil schon sehr alter Schatz der Erfahrungsheilkunde.
Dabei ist es eine Art Ironie, wenn nunmehr, sozusagen von der anderen Seite, die moderne Medizin mit ähnlichen Präparationen aus der Immunforschung sich der gleichen immunologischen Effekte bedient, die vielen Präparaten der Naturheilkunde ebenfalls eigen sind.
So wurden und werden z. B. in der offiziellen Immunonkologie die schon "klassischen" bakteriellen Immunstimulatoren Corynebacterium parvum und Bacillus Calmette-Guérin eingesetzt, Interferon aus virusbehandelten Zellkulturen oder gentechnologischer Produktion oder - aktuell - Immunocyanin aus einer südamerikanischen Napfschnecke. All diese sogenannten Immunmodulatoren bedienen sich der gleichen immunologischen Mechanismen, die vielen Präparaten der Naturheilkunde ebenfalls eigen sind. Diese Effekte konnten und können allerdings erst jetzt durch die moderne Immunforschung aufgedeckt werden.
Als Beispiel für die immunologische Aktualität mag hier der Nachweis von Interleukin-1 dienen, einem fundamentalen Botenstoff des Abwehrsystems, der bei der aktiven Fiebertherapie durch bakterielle Zellwandbausteine - Endotoxine - freigesetzt wird (neben Interleukin-2 und Tumornekrosefaktor, alles äußerst wirksame Immunmodulatoren bzw. tumorangreifende Glykopeptide, Zucker-Eiweiß-Stoffe).
Dabei hatte die sogenannte aktive Hyperthermie ihre Anfänge nunmehr schon vor über einhundert Jahren.
Inzwischen erkennt die moderne Krebsforschung ebenfalls einen der gewichtigen Vorzüge der Immuntherapie, nämlich deren vernachlässigbare bis fehlende Nebenwirkungen.
Die zukünftige Krebstherapie wird sich also durchaus ähnlicher Therapiemethoden bedienen, wie die derzeitige biologische Medizin, wobei jene die Effekte des jeweiligen Immuntherapeutikums in klinischen Studien "wissenschaftlich" zu belegen versucht und es dadurch hoffähig macht: dies ist der derzeit noch wesentliche Unterschied zwischen dem Vorgehen in der klassischen und der biologischen Krebstherapie.
Nun darf aber zur Entlastung der Erfahrungsmedizin angeführt werden, daß sich die Mittel aus ihrem Erfahrungsschatz sicher nicht so lange "gehalten" hätten, wenn sie nicht von Ärzten und Patienten als wirksam erkannt und empfunden worden wären.
Daraus leitet sich - neben der guten Verträglichkeit - die Rechtfertigung ab, Mittel aus der Erfahrungsheilkunde in der Therapie von Krebserkrankungen verwenden zu dürfen.
Selbstverständlich sollen auch diese Präparate einer "objektiven" Prüfung unterzogen werden. Das Problem einer solchen Überprüfung liegt allerdings in der Komplexizität der biologischen Krebstherapie.
Da die Erfahrungsmedizin Krebs als eine systemische Erkrankung mit vielfachen Funktionsstörungen versteht, ist ihre Behandlung meist sehr ganzheitlich-komplex. Es wäre daher ethisch nicht vertretbar, würde man von einem Erfahrungsmediziner verlangen, nur ein Präparat im Rahmen seiner Krebstherapie einzusetzen, um so die Wirksamkeit eines bestimmten Krebsmedikaments zu prüfen.
Darum ist es eine Notwendigkeit, andere Prüfrichtlinien zu entwickeln, die einerseits der Forderung nach einer wissenschaftlichen Prüfung (also den nach Übereinkunft gültiger Normen in der medizinischen Wissenschaft) eines biologischen Krebstherapeutikums gerecht werden, andererseits die Auffassung des Erfahrungsmediziners von Krebs als vielschichtig zu behandelnde Erkrankung respektieren.
Sollte hier eine Übereinkunft zwischen "konventioneller" und "biologischer" Medizin erzielt werden, wären die Chancen für eine schnellere Annäherung an das gemeinsame, noch ferne Ziel, nämlich die kurative Therapie von Krebskrankheiten, erheblich größer.
Eine sehr deutliche Auswirkung auf die Zahlen von Krebserkrankungen und Krebssterblichkeit ließe sich allerdings durch die Einflußnahme auf folgende Verhaltensweisen erzielen:
Zu ersterem: Mit größter Wahrscheinlichkeit ließe sich durch die Stärkung des Bewußtseins der Bevölkerung für krebsverhütendes Verhalten die Krebserkrankungshäufigkeit deutlich senken. Hierzu geben allein die kalkulierten Wahrscheinlichkeiten für die einzelnen Krebsursachen Anlaß:
Falsche Ernährungsgewohnheiten stehen dabei mit einer Größenordnung von 35% an erster Stelle. Hier kann auch am ehesten ein Beitrag des einzelnen zur Korrektur des Krebs- Cofaktors Fehlernährung geleistet werden.
Von genauso vorbeugendem Ausmaß ist der Verzicht auf das Rauchen: Wöchentlich stürzt in der BRD ein vielgepackter "Jumbojet" (250 Menschen) mit Raucherlungenkrebs in den Tod.
Zum zweiten: Die Behandlung von Krebserkrankung ist weniger ein Problem der Therapie des Ersttumors als des nächsten Stadiums von Krebs, seiner Metastasierung, also seiner Ausbreitung in andere Organe. Es darf nicht verschwiegen werden, daß die Provokation der Krebsausbreitung in großem Ausmaß auf ärztliche Maßnahmen zurückzuführen ist: Probeentnahmen, Punktionen und vor allem die Operation des Primärtumors ohne Schutzmaßnahmen lassen es zu, die Situation der onkologischen Chirurgie mit dem Zustand der Hygiene zu Zeiten von Semmelweiss zu vergleichen. Seine Warnung vor der Übertragung des oft tödlichen Kindbettfiebers durch fehlende hygienische Maßnahmen verhallte ungehört. Es kostete vielen Müttern das Leben, da sie von Studenten und Ärzten, die direkt aus dem Seziersaal in die Stationen der Wöchnerinnen kamen, untersucht wurden. Die Arroganz der damaligen Mediziner wollte die Notwendigkeit einfacher hygienischer Maßnahmen nicht einsehen.
Mittlerweile gibt es keinen Zweifel mehr an der Tumorzellausschwemmung durch chirurgische Eingriffe, und doch fehlen die Konsequenzen bei der offiziösen Medizin. Man kann aber nun nicht einfach fordern, notwendige Krebs-Operationen zu unterlassen, man könnte aber einiges durch vorbeugende und metastasenverhütende Maßnahmen vor, während und nach der Operation mit dazu beitragen, die sonst so oft nach den Erstmaßnahmen auftretende Ausbreitung einer Krebskrankheit zu verhindern. Denn sonst gelingt die Heilung bekanntlich nur noch in den seltensten Fällen.
Hierüber muß sich die moderne Chirurgie endlich einmal Gedanken machen, wenn sie über Augenblickserfolge hinaus eine erfolgreiche Krebs-Chirurgie betreiben will.
Abschließend möchte ich noch auf eine grundlegende Erkenntnis hinweisen: Krebs ist ein biologisches Phänomen, das seit Beginn der Menschheit existiert. Krebs ist vermutlich ein Mechanismus der Natur, der zwangsläufig zur Evolution gehört, ohne den die Evolution vielleicht gar nicht so abgelaufen wäre, wie sie abgelaufen ist, möglicherweise gäbe es den Menschen in seiner jetzigen Form gar nicht.
Denn Krebs beruht in seinem Grundprinzip auf dem Mechanismus der Mutation, also dem energetischen Einfluß auf molekularer Ebene im Bereich der Erbsubstanz. Bei diesem "Spiel der Natur" nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum kommt es aus statistischen Gründen zwangsläufig zu mehr Fehlern als zu Treffern, also seltener zu einer Erbmasse-Verbesserung, die der Art hier dem Menschen - einen Selektionsvorteil bietet (der vielleicht teleologische Zweck der Evolution).
Erfreulicherweise - dank der Weisheit der Natur - stehen dem Menschen Reparaturmechanismen auf chromosomaler Ebene zur Verfügung, die die meisten "Strickfehler" wieder korrigieren.
Der Einfluß der Zeit - also das Altern - führt nun zu einem Nachlassen der Reparaturfunktionen, auch der Immunabwehr.
Das Zusammentreffen dieser beiden Unterfunktionen ermöglicht die häufigere Bildung von überlebensfähigen, sozusagen entgleisten Zellen, die zuvor noch durch das intakte Immunsystem abgefangen werden konnten.
Tumorzellen entstehen also bei jedem Menschen häufig in seinem Leben, ohne zwangsläufig zur Krebserkrankung führen zu müssen.
Damit wird auch klar, daß Krebs eine Erkrankung vor allem des höheren Lebensalters ist. Krebs ist also nur ein Weg der Natur, den Menschen nicht uralt werden zu lassen. Im anderen Falle würde die Evolution sich selbst beschränken, da sonst der mangelnde Lebensraum die Möglichkeit zur Reproduktion (frühzeitiges Sterben infolge Nahrungsmangels) erheblich einschränken würde.
Wir sollten also die eine Variante des Lebens - Krebs - als biologische Funktion verstehen, der ein kausales und notwendiges Prinzip der Evolution zugrunde liegt. Doch haben wir es in der Hand, das Risiko einer Krebserkrankung zu verringern, indem wir die Wahrscheinlichkeitskurve für Krebserkrankungen "dehnen".
Diese "Überlistung der Natur" gelingt durch Verringerung der sogenannten Alters-Beschleuniger - also der Faktoren, die einen Einfluß auf die Veränderung der Erbsubstanz haben. Hierzu ist jeder einzelne durch eine krebsverhütende Lebensweise in der Lage.


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